Olivenölbetrug: Unerwarteter Freispruch für Lidl Italia

Im Juni 2016 hatte die italienische Antibetrugsbehörde Lidl, Deoleo und Pietro Coricelli wegen nachgewiesener vorsätzlicher Konsumententäuschung - die Betriebe hatten minderwertige Olivenöle als Extra Vergine deklariert -, Bussen in der Höhe von fast einer Million Euro aufgebrummt, wovon alleine auf Lidl 550'000 Euro fielen.

 

Die Höhe der Busse wurde massgeblich durch den Schweregrad des wirtschaftlichen Verbrechens, die Firmengrösse und den Umsatz der entsprechend fehlbaren Unternehmungen beeinflusst.

 

Mattia Pennacchia von Codici sagte damals zur Strafe für Lidl, Deoleo und Pietro Coricelli: «Das ist ein starkes Signal für den Konsumentenschutz. Endlich haben wir den Beweis, dass Konsumenten von diesen Firmen jahrelang betrogen wurden.»

 

Die italienische Antibetrugsbehörde bestrafte Lidl demnach auch im Zusammenhang mit dessen Selbskontrollkonzept in Bezug auf die Qualitätssicherung von Olivenöl. Dieses sei unzureichend. Minderwertige Ware könne mit ausreichender Kontrolle nicht als Extra Vergine in den Markt eingeführt werden.

 

Urteil wird aufgehoben

Nun aber, rund etwas mehr als anderthalb Jahre später, dreht der Wind. Das Verwaltungsgericht aus Lazio, an welches Lidl das erstinstanzliche Urteil weitergezogen hat, sieht die italienische Antibetrugsbehörde im Unrecht und geht somit auf Lidls Rekursbegehren ein, wonach sich der Discounter im genügenden Ausmass an die Selbstkontrolle gehalten habe.

 

Lidl erklärte zu seiner Verteidigung, dass jeweils ein erster Check jeder Olivenölcharge bei Fiorentini Firenze, Lidls Zulieferer und Vertragspartner, erfolge und das entsprechende Öl nachher auch noch durch das renommierte auf Lipiduntersuchungen spezialisierte Labor Eurofins Analytik GmbH aus Hamburg untersucht werde, bevor das Produkt in den Markt eingeführt werde.

 

Lidl widersprach der italienischen Antibetrugsbehörde aber nicht nur im Urteil in Bezug auf die mangelhafte Selbstkontrolle, sondern auch in punkto Paneltest (sensorische Prüfung des Olivenöls). Das Verdikt sei das Resultat des Zusammenzugs von rein subjektiven olfaktorischen und gustatorischen Beurteilungen eines Olivenöls, verunglimpfte der Discounter den gesetzlich bindenden Paneltest (Verordnung EU Nr. 2015/1830).

 

Das Verwaltungsgericht Lazio bestätigte immerhin, dass das von Lidl zum damaligen Zeitpunkt als Extra Vergine - Erste Güteklasse vermarktete Olivenöl lediglich der zweiten Güteklasse - Vergine angehörte, dieses für Konsumenten jedoch zu keiner Zeit gesundheitsgefährdend war und Lidl die Konsumenten lediglich dazu verleitet hätte, für ein Olivenöl mit minderer organoleptischer Qualität mehr zu bezahlen. (Anm. d. Red.: Lidls Primadonna war ohnehin schon sehr billig, so ist diese Argumentation des Verwaltungsgerichtes Lazio äusserst fragwürdig.)

 

Das Verwaltungsgericht Lazio kommt demnach zum Schluss, dass die Sanktionsbestimmungen der italienischen Antibetrugsbehörde nicht klar genug formuliert worden seien, um die hohe Geldstrafe, welche Lidl hätte entrichten müssen, rechtfertigen zu können.

 

Der Lebensmittelrechtsexperte Luca Bucchini meinte zum Urteil, dass Positivresultate einer sensorischen Olivenölprüfung durch ein Panel einerseits zwar die Konformität beweisen würden, andererseits ein Negativresultat einer sensorischen Olivenölprüfung durch ein Panel vor Gericht - gerade gegen grosse Olivenölmarken - alleine nicht ausreichen würde, um Nicht-Konformität beweisen zu können. Trotzdem meinte er auch, dass man den Paneltest nicht umgehen könne, wenn man Olivenöl als Extra Vergine vermarkten möchte (EU 2015/1830).

 

Für Fabrizio Premuti, den Präsidenten von Konsumer Italia, ist das Gerichtsurteil überraschend, unbefriedigend und fragwürdig zugleich. Er sagte zum Urteil, dass das Gericht einerseits nicht auf die bewiesenen qualitativen Mängel des Produktes eingehe, dafür aber andererseits der italienischen Antibetrugsbehörde informelle Fehler bei den Sanktionsbestimmungen vorwerfe. Schlussendlich zeige das auch, wie wichtig Lidl in einem solchen Fall der Schutz seiner Konsumenten vor betrugsmässig falsch deklariertem Olivenöl sei. 

 

Die Busse von 550'000 Euro muss Lidl nun nicht bezahlen, negativer Paneltest hin oder her. Ob sich die Qualität des fraglichen Primadonna Olivenöls von Lidl in der Zwischenzeit gebessert hat, ist zu bezweifeln. Eine neue Untersuchung durch die Antibetrugsbehörde ist nach dem jüngsten Urteil aus Lazio nicht zu erwarten.

 

Text: Silvan Brun, evoo ag

Quellen: Olive Oil Times, Teatro Naturale

 

Kommentar zum Artikel:

Solange sich Diebe selber kontrollieren können, wird keine Ruhe einkehren

Aus unserer evoo-Sicht zeigt dieses Beispiel in aller Deutlichkeit, wie die Olivenölindustrie seit Jahrzehnten funktioniert und andererseits auch, wie das Rechtssystem bei Olivenölbetrug immer wieder kläglich versagt. 1966 gab es die erste Auflage des "Extra Vergine"-Gesetzes, dazu da, Konsumenten vor Betrug zu schützen. Im Laufe der Zeit wurde dieses immer wieder angepasst und verschärft. Ab 1991 wurde gar die sensorische Bewertung von Olivenöl amtlich. Die letzte Änderung diesbezüglich erfuhren wir erst im Jahr 2015. Gebracht hat all das bis heute wenig. Vom Konsumenten über den Abfüller, den Zwischenhändler und den Inverkehrbringer bis hin zu den Beghörden ist jedem klar, dass die Sache mit dem Olivenöl in aller Regel alles andere als sauber läuft. Trotzdem haben wir seit Jahrzehnten den Stausquo. Nichts verändert sich. Keiner bewegt sich. Die fragwürdigen Abfüller können ihre Praktiken kaum verändern, solange finanzielle Schwergewichte aus dem Lebensmitteleinzelhandel superbillige Produkte einzukaufen wünschen und dafür hohe Listing- und Werbegebühren verlangen. Selbstverständlich wissen die Lebensmitteleinzelhändler, was und welche Qualität sie einkaufen und später ihren eigenen Kunden "zum Frass" vorwerfen. Der Fisch stinkt vom Kopf her und zwar gewaltig. Nur rührt in keiner an. Und tut es dennoch mal wer, wird er zurückgepfiffen. Das jüngste Beispiel um Lidl in Italien zeugt davon. Man kann keinem riesigen Lebensmitteleinzelhändler - sei es Lidl, Edeka, Costco, Coop, Tesco, Migros, Aldi oder wie sie alle noch heissen - jahrzehntelangen Betrug vorwerfen. Das ist vollkommen undenkbar. Und weil Konsumenten, was das Einkaufen von Lebensmitteln angeht, ziemlich unselbständig sind, werden sie kaum je einen Aufstand gegen ihre Ernährer wagen. Sie haben andere Alltagssorgen. Während sie vom Geschäft ihres Vertrauens frischfröhlich weiter über die Ladentheke gezogen werden.

 

Es ist meine Pflicht, Ihnen an dieser Stelle mitzuteilen, dass sich nichts ändern wird. Bei den relevanten Stellen wird nie jemand die Courage haben, etwas zum Besseren zu bringen. Olivenöl bleibt somit Betrugslebensmittel Nummer eins und Sie, ja Sie bleiben die Betrogenen. Für Sie ändert sich also nichts. Das ist das Gute daran.

 

PS: Falls Ihnen diese Rolle nicht besonders gefällt, entscheiden Sie sich beim Olivenölkauf ganz einfach gegen die grossen Lebensmitteleinzelhändler oder wie man ihnen bei uns sagt - Grossverteiler. Finden Sie bei uns oder bei Manor eine hervorragende Auswahl an erstklassigen Extra Vergine Olivenölen. Bei einem durchschnittlichen Jahreskonsum von knapp zwei Litern, dürfte die gute Alternative für Jede und Jeden erschwinglich sein.

 

Wir von evoo werden ewig kämpfen. Für gutes Öl. Für ehrlichen Handel. Und für Sie.

 

Ihr Master of Olive Oil

Silvan Brun

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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