Silvan Brun im Interview über das Ergebnis der überregionalen Olivenölprüfkampagne

Ein Interview der Zentralschweizer Tafelrunde

 

Zentralschweizer Tafelrunde: Herr Brun, die Kantonschemiker der Kantone Zürich, Thurgau, Genf und Luzern präsentierten am 19. Juni 2018 ein überraschendes und zugleich erfreuliches Ergebnis ihrer im 2017 gemeinsam durchgeführten Olivenölprüfkampagne. Demnach gäbe es keinen Anlass, die Olivenölqualität in der Schweiz generell in Frage zu stellen. Wie beurteilen Sie das Ergebnis?

Silvan Brun: Nicht wenige Medien haben die Medienmitteilung der kantonalen Labore ohne auch nur ein bisschen etwas zu hinterfragen, wie es sich für guten Journalismus gehören würde, via SDA übernommen und veröffentlicht. Das sorgt dafür, dass die Konsumenten wieder einmal mehr an der Nase herumgeführt werden. Wir machen uns vor, alles sei in Butter. Oder wie es Voltaire einst gesagt hatte: Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion. 

 

 

«Extra Vergine

muss zwingend

sensorische

Auflagen einhalten.

So steht's im Gesetz.»

 

 

Dann sind Sie mit dem Resultat nicht einverstanden? Das müssen Sie genauer erklären.

Es ist grundfalsch, aufgrund des Vorliegens von Prüfergebnissen aus einer rein chemischen Analyse schlusszufolgern, dass sechs Siebtel der geprüften Proben dem Extra Vergine Standard entsprechen. Will sich nämlich ein Olivenöl Extra Vergine nennen, muss es sowohl die chemischen Grenzwerte als auch die sensorischen Auflagen einhalten, so steht's im geltenden Gesetz geschrieben. Die vier Olivenöl prüfenden Kantone haben sich aber einfach übers Gesetz hinweggesetzt und die sensorische Analytik ausgelassen, resp. haben die sensorischen Ergebnisse, die sie bei einem kleinen Teil der Proben erzielt haben, nicht ins Schlussresultat eingerechnet. Folglich war es gar nicht möglich festzustellen, ob die gezogenen Olivenölproben tatsächlich der ersten oder allenfalls einer anderen Güteklasse angehörten.

 

Das Kantonale Labor Zürich schreibt im seinem Jahresbericht 2017, dass es die gesetzliche Regelung schwierig mache, die sensorische Prüfung im Vollzug anzuwenden.

Das ist lachhaft. Es war ja eben genau das Kantonale Labor Zürich, welches im Jahresbericht 2009 auf Seite 61 gefordert hat, im Hinblick auf einen sichereren Olivenölvollzug EU-Recht zu übernehmen - Zitat: «Zum Schutz des Konsumenten vor Täuschung wird deshalb die Übernahme der EU-Anforderungen an Olivenöle in die Schweizer Gesetzgebung gefordert.». Jetzt ist das Gesetz da und nun findet man es in Zürich doch wieder zu aufwendig? In der Tat ist die Thematik komplex, was natürlich vor allem einer Vergangenheit mit abertausenden von Betrugsfällen geschuldet ist. Trotzdem ist ein Vollzug, so wie es das Gesetz will, auch in der Schweiz sehr gut realisierbar. Es gibt tatsächlich keinen Grund für Ausreden. Das Kantonale Labor Zürich entlarvt sich meiner Meinung nach aber als ungenügender Olivenölhüter, wenn es in seinem Jahresbericht 2017 nun schreibt: «Ergänzend wurde die Sensorik an einer kleinen Auswahl von Proben durch ein akkreditiertes Panel geprüft. Für amtliche Beanstandungen ist das im Gesetz vorgesehene Vorgehen (u. a. Bestätigung durch ein zweites Panel aus dem Ursprungsland) so aufwendig, dass die Sensorikresultate nicht für den Vollzug verwendet wurden. Es war jedoch bemerkenswert, wie wenig die sensorischen mit den analytischen Resultaten übereinstimmten.» Diese Aussage ist für mich ein Indiz, dass diese Behörde wohl nicht verstehen will, worum es beim Olivenölbetrug tatsächlich geht und, dass die gesetzliche Verordnung für den Vollzug gar nicht zwei Panelresultate voraussetzt. Wichtig zu wissen ist: Chemische Grenzwerte können selbst von Gruselölen relativ einfach eingehalten werden, während ebensolche Öle bei der sensorischen Analyse immer kläglich scheitern. Deshalb ist die Sensorik bei der Betrugsbekämpfung ja so wichtig. Das Kantonale Labor Zürich hatte ja damals im Jahresbericht 2009 richtig erkannt, dass selbst Öle mit niedrigen Akylesterwerten in einer sensorischen Prüfung ungenügend abgeschnitten hatten. Ich verstehe dieses Hin- und Her nun wirklich nicht?  

 

 

«Bei der Probenerhebung

müssen verplombte Rückstell-

muster gebildet werden.

Auch das haben

die Behörden nicht getan.»

 

 

Wie würde dann die korrekte Gesetzesanwendung in Bezug auf die behördliche Vollzugsarbeit aussehen?

Zunächst einmal müssen von den Inspektoren Proben erhoben werden. Wichtig dabei ist, dass verplombte Rückstellmuster gebildet werden, die im Falle eines Rekurses zur Gegenanalyse verwendet werden können. Je ein verplombtes Rückstellmuster pro Analyse (chemisch, sensorisch) gelangen in den Besitz von Behörden und Unternehmen. Auch das haben die Behörden bei der jüngsten Olivenölkampagne beispielsweise nicht getan. Die Lebensmittelsicherheitsbehörde veranlasst dann eine sensorische Analyse der erhobenen Probe in einem anerkannten, nach ISO 17025 akkreditierten Panel ihrer Wahl. Die Analyse kann auch im Ausland stattfinden. Fällt das Ergebnis negativ aus, sprich wird das Olivenöl nicht als Extra Vergine taxiert, hat das Unternehmen die Möglichkeit, zwei Gegenanalysen anzufordern. Zu diesem Zweck werden die beiden gebildeten verplombten Rückstellmuster an zwei weitere Panels geschickt, wovon eines in jenem Land seinen Sitz haben muss, aus welchem das Olivenöl stammt oder gekauft, resp. in welchem Land das Öl abgefüllt wurde. Wenn beide neuen Prüfergebnisse das erstinstanzliche Prüfresultat der Behörden widerlegen, ist die Beanstandung vom Tisch. Das Olivenöl darf weiterhin als Extra Vergine verkauft werden. Bestätigt allerdings auch nur eine der beiden zweitinstanzlichen sensorischen Prüfungen das erstinstanzliche Negativresultat, darf sich das entsprechende Olivenöl nicht (mehr) Extra Vergine nennen. Massnahmen können verfügt und Bussen können ausgesprochen werden.

 

Das klingt einleuchtend, auch wenn sehr aufwändig.

Es geht immerhin darum, die Konsumenten vor Betrug zu schützen. Da darf der Behörde dieser überschaubare Aufwand nun wirklich nicht zu viel sein.

 

Wie würde ein allfälliges Prüfergebnis unter Voraussetzung der korrekten Gesetzesanwendung ausfallen?

Mit jeder Garantie ganz anders. Viele Grossabfüller haben nicht zuletzt deswegen die sensorische Prüfung immer zu denunzieren versucht. Jüngst versuchte der Verband der spanischen Olivenölindustriellen gar, den Paneltest abzuschaffen. Mit gutem Grund: Eine korrekte Anwendung der sensorischen Prüfung ist eine sehr grosse Gefahr für Olivenölanbieter, die unsaubere Olivenölqualität verkaufen. Hören Sie sich nur das kürzlich erschienene Videostatement des neuen deOleo Bosses Pierluigi Tosato an, er erwähnt das explizit, deOleo will sich neu den echten Paneltests stellen. Ich gehe davon aus, dass die meisten in der letzten Prüfkampagne geprüften Öle bei einem sensorischen Test durchgefallen wären. Das würde die Realität auch deutlich besser abbilden. Immerhin gilt Olivenöl etwa in Deutschland noch vor Honig und Kaffee als das am meisten gefälschte Lebensmittel. Und glauben Sie mir, es ist illusorisch zu glauben, in der Schweiz wäre es wesentlich anders. Oder wie war das Zitat von Voltaire schon wieder? 

 

 

«Unser Öl kann

gar nie mit 

Sauerstoff in Kontakt

gekommen sein.

Die Flasche war

luftdicht verschlossen.»

 

 

Ihr Olivenöl gehörte zu den sieben Proben, die beanstandet wurden. Wie erklären Sie sich das? Sind Sie ein Olivenölbetrüger?

Natürlich nicht, aber das könnte man durchaus glauben. Wir haben ganz bewusst entschieden, das Resultat öffentlich zu machen, weil wir erstens mit gutem Gewissen zum geprüften Öl stehen können und zweitens wissen, dass die Behörden irgendwo geschlampt haben. Unser Öl war entgegen der Behauptung des Zürcher Labors zu 100 % Extra Vergine. Die von uns in Auftrag gegebene Gegenanalyse durch das renommierte Labor Eurofins in Hamburg widerlegt nämlich das von den Behörden ermittelte Resultat in aller Deutlichkeit. Unser Öl kann gar nie mit Sauerstoff kontaminiert worden sein, es handelte sich um ein sehr gutes Öl in geschlossener Flasche. Zudem muss an dieser Stelle auch gesagt werden, dass die Luzerner Behörden unser Öl im Rahmen der Kampagne auch sensorisch haben überprüfen lassen. Dazu haben Sie eine Originalprobe an das Schweizer Olivenöl Panel gesendet, welches die Probe als Extra Vergine taxierte. Diese Prüfung fand im November 2017 statt. Die chemische Analyse im Kantonalen Labor in Zürich, bei welcher offenbar Grenzwertüberschreitungen ermittelt wurden, fand bereits Mitte September 2017 statt. Würde man davon ausgehen, dass die Resultate der chemischen Analyse tatsächlich der Wahrheit entsprächen, müsste das Olivenöl Panel bei der Analyse desselben Olivenöls mit Sicherheit den sensorischen Defekt "ranzig" ermittelt haben. Und zwar mit deutlicher Ausprägung. Hat es aber nicht. Wir gehen also davon aus, dass den Zürcher Prüfern irgendwo ein Fehler unterlaufen ist - dass zum Beispiel Proben vertauscht wurden oder aber, dass man uns den Fehler gar mutwillig in die Schuhe geschoben hat.

 

Warum sollten die Behörden so etwas tun?

Darüber habe ich mich an anderer Stelle schon deutlich geäussert. Ich hatte das kantonale Labor Zürich aufgrund einer unerfreulichen Marktsituation unter Druck gesetzt. Eine Lebensmitteleinzelhandelskette hatte falsch etikettiertes Olivenöl im Angebot. Das fiel in den Zuständigkeitsbereich des Zürcher Kantonschemikers, der gegen das Problem offensichtlich partout nichts unternehmen wollte. So kam es, dass ich auch den Bund informierte. Und siehe da, ich erhielt erstens Antwort des Kantonschemikers aus Zürich und zweitens wurden reihenweise Olivenöle der betroffenen Lebensmitteleinzelhandelskette anders etikettiert. Meine Bemühungen haben den Markt also etwas besser und mich selber beim Zürcher Kantonschemiker wohl noch etwas unbeliebter gemacht. Ich sehe eine Retourkutsche der Zürcher Behörden leider immer noch als plausible Option.

 

 

«Die Frage bleibt,

in wie fern die Behörden

tatsächlich an Betrugs-

bekämpfung interessiert

sind?»

 

 

Sie glauben doch nicht, dass sich die Behörden zu einem solchen Schritt hinreissen lassen würden?

Eigentlich will man sich das gar nicht vorstellen, nein. Doch bleibt genau diese Vorstellung, solange bis sich der Kantonschemiker aus Zürich zum Fall erklärt hat, eine Option. Mir wäre es auch viel lieber, das Kantonale Labor Zürich würde einen Handlingfehler der Proben zugeben. Etwa, dass die Proben vertauscht wurden, oder dass man das Olivenöl beim Öffnen und Teilen zu lange dem Sauerstoff ausgesetzt hat. Aber angesichts des kommunizierten Gesamtresultates und des von den Behörden gezogenen Fazits, dass man sich in der Schweiz um die Olivenölqualität keine Sorgen machen muss, bleibt die Frage, in wie fern die Vollzugsbehörden tatsächlich an der Betrugsbekämpfung interessiert sind oder ob es ihnen schlicht lieber ist, die grossen Lebensmitteleinzelhandelsketten und somit auch den Olivenölbetrug weiter zu decken?

 

Was bedeutet dieser Negativentscheid für evoo ag?

Vorderhand hat er zumindest keine finanziellen Auswirkungen. Das beanstandete Olivenöl war bei Bekanntwerden des Resultates schon längst abverkauft. Jedoch haben wir nun ein ungutes Gefühl, was den Gesetzesvollzug anbelangt, weil wir verstanden haben, dass man diesen in der Schweiz nicht korrekt umsetzt. Aus welchen Gründen auch immer. Und wir wissen noch nicht, welche Auswirkungen diese Sache auf unser Image haben wird. Wir sind jedoch überzeugt, mit der offenen Kommunikation den richtigen Weg gegangen zu sein. Wir bleiben uns treu und kämpfen weiterhin für gutes Olivenöl und das Recht der Konsumenten auf gutes Olivenöl. Da muss man auch die Arbeit der Behörden kritisieren dürfen, wenn diese alles andere als zielführend ist. Dieses Recht auf eine gesittete und gesetzlich zulässige Rebellion nehme ich mir heraus.

 

 

«Angesichts der

Erfüllung meiner 

Vision ist Geld

ziemlich wertlos.»

 

 

Ihnen peitscht dabei aber ein heftiger Gegenwind ins Gesicht.

Sehen Sie, ich fühle mich verpflichtet, diesen Kampf gegen einen elenden Betrugssumpf, in welchen so viele Parteien, Personen und folglich Interessen verstrickt sind, zu führen. Immer wieder entpuppen sich in diesem Kampf vermeintliche Mitstreiter als Feinde und am Ende merkt man, dass es da nur noch ganz Wenige gibt, die den beschwerlichen Weg auf sich nehmen, um für das Gute einzustehen. Viel einfacher wäre es doch auch für mich, die Vision eines sauberen Olivenölmarktes aufzugeben, etwas anderes zu tun und viel Geld zu verdienen. Aber Geld ist angesichts der Erfüllung meiner Vision ziemlich wertlos. Es geht dabei um ganz andere Werte, die vielen Menschen der heutigen Zeit völlig fremd sind.

 

Vielen Dank fürs Gespräch.

 

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