Wie Olivenölskandale in Zukunft verhindert werden können - Silvan Brun im Interview

Silvan Brun, CEO evoo ag - Olivenölkompetenzzentrum

Die Gesellschaft Qorteba, welche Eignerin der bekannten Olivenölmarke Pompeian ist, wird von der spanischen Zollbehörde mit einer Busse von 3 Mio. Euro infolge täuschender Angaben über die Herkunft und über die Qualität von in die USA exportiertem Olivenöl belegt. Trotz gegenteiligen Bemühungen scheint der Olivenölbetrug im grossen Stil abermals neu aufzuflammen. Wir haben mit Silvan Brun vom Kompetenzzentrum für Olivenöl, evoo ag, über die Gründe dieser Entwicklung geredet und wollten von ihm wissen, ob - und wenn ja, wie - Olivenölskandale in Zukunft verhindert werden können?

 

 

 

 

ZST: Herr Brun, eben erst publizierten Sie auf der Website von evoo ag die Nachricht über einen aufgedeckten neuen institutionellen Olivenölbetrug. Welches Ausmass hat dieser neue Fall von Pompeian?

Silvan Brun: «Mir ist nicht bekannt, um welche Mengen Olivenöl es in diesem Fall tatsächlich geht. Es wird spekuliert, dass das Jahresvolumen, welches mit der Marke Pompeian in den USA umgesetzt wird, rund 30'000 Tonnen beträgt. Wie heute den der Olivenölindustrie nahe stehenden Medien allerdings zu entnehmen ist, wehrt sich die Anteilseignerin Qortebas, DCOOP aus Andalusien, entschieden gegen die nach Auffassung DCOOPs entstandene Ansicht, es würde sich bei der Busse von 3 Mio. Euro um eine Strafzahlung infolge Etikettenschwindels und somit Betrug handeln. Vielmehr sei die jetzige Busse mit ungerechtfertigten Zoll- und Steuerabzügen aus den Vorjahresgeschäften von Pompeian in Verbindung zu bringen, man habe entsprechende Fristen nicht eingehalten.»

 

 

«Es ist ein Geschäft

mit vielen Verlieren

und womöglich

nur einem Gewinner.»

- Silvan Brun, CEO evoo ag

 

 

Die Aufregung um die Qualität von Pompeians Olivenöl war also umsonst?

«Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass DCOOP eine weisse Weste hat. Wenn ich in Antequera bin, wo der Sitz der riesigen Kooperative DCOOP ist, und dort in ein Restaurant gehe, wird mir in 19 von 20 Fällen DCOOP-Olivenöl gereicht. Ich selber würde das aufgetischte Olivenöl DCOOPS mit aller Deutlichkeit als Lampantöl einstufen. Aber es liegt leider nicht an mir, über einen allfälligen Etikettenschwindel zu urteilen. Immerhin: Im 20. Restaurant gibt's glücklicherweise Olivenöl von Finca la Torre.»

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass DCOOP besseres, echtes natives Olivenöl extra für die Marke Pompeian in die USA schickt?

«Neulich sagte mir ein Bekannter aus der Olivenölindustrie, dass das an den Grossmärkten gehandelte Olivenöl zu 75 % Vergine oder gar von noch schlechterer Qualität sei. Warum sollte also ausgerechnet die grosse DCOOP lupenreines Extra Vergine vermarkten? Das ist nicht schlüssig und angesichts der gehandelten Volumen auch gar nicht möglich. Ausserdem muss man wissen, dass Pompeian in den USA deutlich weniger kostet als andere spanische, resp. europäische Olivenöle. Es ist ein Geschäft mit vielen Verlieren und womöglich nur einem Gewinner.»

 

Wer profitiert?

«Der Lebensmitteleinzelhandel. Alle anderen verlieren. Allen voran die Olivenbauern und die Konsumenten.»

 

 

«DCOOP sollte sich

heute entscheiden,

auf welcher Seite

sie zukünftig stehen

will.»

 

 

DCOOP-Präsident Antonio Luque sagt, dass vor allem andere Marktteilnehmer, resp. Mitbewerber DCOOP schlechtreden und sich durch die aktuell negativen Berichterstattungen über DCOOP marktwirtschaftliche Vorteile erhoffen.

«Es bedarf hier einer sehr differenzierten Betrachtungsweise. Tatsächlich könnte man leicht meinen, dass Mitbewerber aufgrund schlechter Publicity DCOOPs kommerzielle Vorteile erzielen könnten. Das ist aber ein sehr blauäugiges Denken. Die gesamte Olivenölbranche hat heute mehr denn je ein grosses Glaubwürdigkeitsproblem. Jeder weitere Skandal macht es im Moment zunehmend schwieriger, das Image der Branche rehabilitieren zu können. Langfristig werden sich jene Olivenölunternehmen durchsetzen, welche auf eine ehrliche und vor allen Dingen transparente Geschäftspolitik setzen und diese auch gekonnt kommunizieren können. Gut möglich, dass dann ein Skandal die guten stärkt, während er gleichzeitig die fehlbaren und bösen Unternehmen schwächt. Bis dahin wird aber noch einige Zeit vergehen. Ich glaube, DCOOP sollte sich heute entscheiden, auf welcher Seite sie zukünftig stehen will.»

 

Die in der Schweiz ansässige IOF - International Olive Foundation wird dem Markt helfen, sich transparenter zu gestalten. Was ist genau geplant?

«Die IOF - International Olive Foundation arbeitet in dieser Hinsicht am FOTO-Projekt. Dies ist eine auf Blockchain basierte Produktrückverfolgbarkeitslösung, die ausgeschrieben "From-Olive-To-Oil" heisst. Der Konsument kann also zurückverfolgen, woher die Oliven, die für das Olivenöl, welches er vor dem Regal stehend gerade in den Händen hält, verarbeitet wurden, kommen. Im Detail sieht er auch Standzeiten der Oliven, wann diese verarbeitet wurden, wie viel Ertrag diese gaben und so weiter und so fort. Das Gute daran ist, dass die Blockchain-Entwickler nicht aus der Lebensmittelbranche oder Olivenölindustrie, sondern aus der Schweizer Krankenversicherungsbranche kommen. Der Standard wird hoch angesetzt. Das FOTO-System soll den Konsumenten höchst mögliche Sicherheit bieten.»

 

Das tönt vielversprechend. Wie lange wird es noch dauern, bis die Lösung verfügbar sein wird?

«Verschiedene Faktoren spielen hier eine zentrale Rolle. Zum einen die Finanzierung. Das Projekt ist noch nicht vollständig finanziert. Zum anderen setzt IOF aber auch ein Mitmachen der Lebensmitteleinzelhandelsketten voraus. Gut möglich, dass zuerst in Deutschland oder in den USA mit dem Projekt gestartet wird. Wann das konkret sein wird, kann ich aber noch nicht sagen. Zumindest gibt es viele Olivenölanbieter, die beim Start des Projektes dabei sein möchten.»

 

FOTO kann also nur Sicherheit bieten, sofern es als Kontrollsystem auch von den Supermarktketten akzeptiert wird.

«Das Verrückte ist ja, dass nicht in erster Linie die Supermarktketten mehr Sicherheit wünschen. Diese fahren mit dem aktuellen Modell sehr gut. Sie bezahlen wenig für das eingekaufte Olivenöl und verdienen viel am Abverkauf oder aber - und das ist vor allem in Italien oder Spanien der Fall und wird zunehmend auch in den USA beobachtet - Olivenöl zum Billigpreis dient als Kundenmagnet, welches Frequenz in die Läden bringt. Es sind - mit wenigen Ausnahmen - also nicht die Supermarktketten, die sich einen Wandel wünschen, sondern es sind gar Vertreter der Olivenölindustrie selber, die ein Umdenken fordern. Einige lautstark, die anderen etwas verdeckt. FOTO könnte als rein theoretisch auch ohne aktive Unterstützung durch die Lebensmitteleinzelhandelsketten funktionieren.»

 

 

 

«In jedem bösen

Unternehmen gibt

es nette Menschen.

Man muss sie nur 

finden.»

- Conrad Bölicke, arteFakt Olivenölkampagne

 

 

Welche Branchengrössen fordern ein Umdenken?

«Allen voran der in der Vergangenheit zu recht viel kritisierte grösste Olivenölabfüller der Welt, deOleo. Da hat der neue Executive Chairman erkannt, dass die gegenwärtige Praxis ein "Suizidmodell" ist. Unter seiner Führung will deOleo sich reformieren, was das Unternehmen jetzt in den Medien auch kundtut. Aber auch Monini befindet sich in Reformprozessen, macht dies aber weniger öffentlich.»

 

Glauben Sie daran, dass es diese Olivenölgrössen tatsächlich ernst meinen und nun nett und ehrlich mit ihren Konsumenten umgehen wollen?

«Mein Freund Conrad Bölicke von der Olivenölkampagne arteFakt in Deutschland sagte neulich einmal zu mir: "In jedem bösen Unternehmen gibt es nette Menschen. Man muss sie nur finden." Ich habe viel Vertrauen in seine Worte und glaube deshalb, dass es Pierluigi Tosato, der neue Executive Chairman von deOleo ernst meint. Er scheint ein netter Mensch in einem bösen Unternehmen zu sein, welches er jetzt zu zähmen und auf die richtige Spur zu bringen versucht. Wer, dem Olivenöl und die Konsumenten am Herz liegen, kann schon gegen diesen Versuch Tosatos sein? Ich würde es begrüssen, deOleo als nettes und ehrliches Unternehmen zu sehen, schliesslich würden viele Konsumenten und Olivenbauern davon profitieren.»

 

 

DCOOP könnte sich also ein gutes Beispiel an deOleo nehmen?

«Unbedingt. Und nicht nur DCOOP. Die Beobachter-Autorin Julia Hofer hat es in Ihrem Olivenölartikel richtig auf den Punkt gebracht: "Der Olivenöl-Betrug wird erst dann enden, wenn alle an einem Strick ziehen – Abfüller, Detailhändler, Kontrolleure. Und nicht zuletzt die Konsumenten. Sie müssen bereit sein, für Extra Vergine einen angemessenen Preis zu bezahlen." Ich appelliere an die Vernunft und Ehrlichkeit der amtlichen Kontrollen. Diese haben immer noch Angst vor dem grossen Vakuum, das bei korrekt durchgeführten Kontrollen in den Regalen der Supermärkte entstehen würde. Ebenso appelliere ich an die Moral der Lebensmitteleinzelhandelsketten, sie sollen für Olivenöl einen angemessenen Preis bezahlen und Olivenöl nicht mehr als "Ware" behandeln. Das Umdenken der grossen LEH würde dazu führen, dass anständiges Öl aus gesunden Oliven produziert werden könnte. Dieses würde den Konsumenten zwar deutlich mehr kosten aber er darf Olivenöl eben nicht mit Samenölen gleichsetzen.  So braucht es schlussendlich von allen Seiten etwas Courage und Einsicht, um zukünftige Olivenölskandale verhindern zu können.»

 

 

Vielen Dank fürs Gespräch.

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